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ARTIKEL

Artikel zum Thema Yoga

Hier finden Sie in lockeren Abständen Artikel und Veröffentlichungen.

DISKUSSION

Yoga, Medizin und Krankheit

Eine Diskussion zwischen T.K.V. Desikachar und Dr. med. Imogen Dalmann

In den letzten beiden Ausgaben von Viveka gaben wir Vorträge von T.K.V. Desikachar und Imogen Dalmann wieder, die 1999 auf einem Symposium in Narbonne, Frankreich gehalten wurden. Yoga und Gesundheit, Yoga und Medizin waren die Themen dieser Artikel und wir möchten Ihnen abschließend Auszüge aus der Diskussion darstellen, die sich im Anschluss an diese Vorträge entwickelte.

T.K.V. Desikachar: Die Menschen, die uns in Indien aufsuchen, bringen uns ein natürliches Vertrauen entgegen. Sie sind überall gewesen und nichts hat wirklich geholfen. Sie kommen, weil man ihnen gesagt hat, dass wir jemand anderem in ähnlicher Situation haben helfen können und dass wir eine große Tradition repräsentieren. Sie nehmen unsere Vorschläge ohne Diskussion an, sie üben und normalerweise geht es ihnen dann auch besser. Hingegen scheint mir, dass die Menschen hier im Westen wesentlich "wissenschaftlicher" orientiert sind. Hier ist das "Warum" wichtiger als das "Wie".

Ihre Erfahrung, Dr. Imogen, kann YogalehrerInnen ermutigen und denen, die keine medizinische Ausbildung genossen haben, helfen, den eingeschlagenen Weg weiter zu gehen. Sie sagten, dass Sie die mitgebrachten Krankenunterlagen eines Menschen, der Sie aufsucht, erst einmal bei Seite legen und die betreffende Person lieber genauer in Augenschein nehmen. Das gibt mir Hoffnung.


Imogen Dalmann: Sie sprechen zwei Punkte an: Wie sieht es mit dem Vertrauen aus, das westliche Menschen einem/r YogalehrerIn entgegen bringen? Und: Brauchen YogalehrerInnen – zumindest im Westen – eine medizinische oder zumindest paramedizinische Ausbildung, um mit kranken Menschen arbeiten zu können?

Sicher ist die Situation im Westen anders als in Indien, aber es gibt auch Ähnlichkeiten. Auch wir westliche YogalehrerInnen könnten kranken Menschen nicht mit Yoga helfen, wenn diese uns kein Vertrauen entgegen brächten. Anders als Sie es aus Indien beschreiben, müssen wir deren Vertrauen jedoch erst einmal gewinnen. Wenn wir möchten, dass uns jemand vertraut, dann müssen wir deutlich machen, dass er oder sie Grund dazu haben kann. Zu aller erst beinhaltet das, dass wir zeigen: wir sind für ihn oder sie da. Wir müssen zuhören und ernst nehmen, was uns erzählt wird. Wir müssen zugewandt sein und zur Verfügung stehen. Dazu müssen wir uns Zeit nehmen und wach sein.

Daneben ist es aber auch nötig, und das berührt den zweiten Punkt, der von Ihnen angesprochen wurde , dass wir dafür sorgen, uns als YogalehrerInnen zu qualifizieren und unsere Arbeit immer wieder zu reflektieren, zu überdenken und zur Diskussion zu stellen.

Nur so erhalten wir selber ein klares Bild davon, was in unserer Kompetenz liegt und was nicht. Vertrauen schaffen beinhaltet dann auch, dass wir unsere Möglichkeiten und unsere Grenzen auf den Tisch legen.


T.K.V. Desikachar: Sie sprachen das Thema Kommunikation, Verständigung an. In Bezug auf Krankheit ist die Sprache des Yoga von der der Medizin sehr verschieden: Bluthochdruck, Bandscheibenvorfall, Diabetes... – das alles macht im Vokabular des Yoga keinen Sinn. Wie können wir sie miteinander in Kontakt bringen, wie kommuniziert Yoga mit Medizin über einen kranken Menschen?


Imogen Dalmann: Im Westen verfügt der größte Teil der Bevölkerung über ein Minimum an Wissen bezüglich des Funktionierens des menschlichen Systems und über krankmachende Zusammenhänge. In Deutschland weiß zum Beispiel der allergrößte Teil der Öffentlichkeit, dass Diabetes etwas mit dem Spiegel des Blutzuckers zu tun hat, oder dass Herzkranzgefäßerkrankungen mit Ernährung und Rauchen in Verbindung zu bringen sind.

Die medizinische Sprache und naturwissenschaftlich begründete Konzepte haben also Eingang in den alltäglichen Umgang mit Krankheit. Das reicht zunächst einmal für eine erste Verständigung über schulmedizinische Diagnosen von YogalehrerIn und KlientIn aus, auch wenn auf beiden Seiten kein Wissen über die Details einer Krankheit besteht.

Schwieriger ist es für uns im Westen mit dem Wortschatz des Yoga, der vielleicht in Indien für viele Menschen etwas Vertrautes anklingen lässt, so gut wie gar nichts aber im Westen. Von „Prânafluss“ zu reden oder von „Reinigung der Nâdî“ hat in der Regel nicht nur keinen Sinn, sondern würde die Kommunikation zwischen LehrerIn und SchülerIn unmöglich machen. Wenn wir uns jedoch an der Idee des viniyoga orientieren, haben wir weniger Schwierigkeiten.

Ich will damit folgendes sagen: Als YogalehrerInnen müssen wir lernen, Worte, Bilder zu finden, die dem Menschen, der vor uns sitzt, verdeutlichen können, wie wir von der Basis des Yoga aus an ihn mit seinem besonderen Problem herangehen. Je besser wir verstanden haben, wer da vor uns sitzt, desto besser gelingt das. Die Verständigung zwischen medizinischer Sprache und Sprache des Yoga ist dann nicht sehr schwer, wenn beide Seiten nicht vergessen, dass sie einen kranken Menschen vor sich haben.


T.K.V. Desikachar: Wie erklären Sie dann den Menschen, die zu Ihnen kommen, wie Yoga wirkt?


Imogen Dalmann: Oft wissen wir als Yogaunterrichtende selbst nicht genau, warum oder wie das, was wir vorschlagen, so durchschlagend wirkt. Nebenbei gesagt geht es den ÄrztInnen da oft nicht viel anders. Die Erfahrung zeigt uns, dass es klappt, aber in nicht wenigen Fällen können wir kaum sagen, warum diese oder jene Âsanareihe ein spezielles Verdauungsproblem gelöst hat.

Selbstverständlich ließe sich darüber eine große Theorie formulieren, man könnte so tun, als sei alles klar - aber das wäre unredlich. Tatsache ist: Wir wissen es einfach nicht. Ich wünsche mir für die Zukunft, dass wir die Forschung über diese Themen voranbringen könnten.

Auf der anderen Seite ist es so schwierig wiederum nicht. Einfache Ursache-Wirkung-Beziehungen sind selbstverständlich wissenschaftlich nachgewiesen und erklärbar. Für einige Körperhaltungen kann man zum Beispiel klar sagen, was sie bewirken, so zum Beispiel, dass sich in Íalabhâsana die Rückenmuskeln kontrahieren und sich wieder entspannen, wenn man die Position verlässt. Dieses Anspannen-Entspannen verbessert die Durchblutung und dadurch die Ernährung der Muskulatur, die dann wiederum effektiver arbeiten kann.

Wir wissen auch, dass eine Vorbeuge wie paÍcimattânâsana im Fall einer Instabilität auf der Ebene der Bandscheiben Probleme verstärken oder sogar verursachen kann und können mit diesem Wissen argumentieren und arbeiten.

Was YogalehrerInnen jedoch um jeden Preis vermeiden sollten, sind Aussagen, die völlig verschiedene Erklärungsmodelle miteinander verknüpfen. Solche Begründungen sind schon im Ansatz einfach falsch und töricht. Ein leider häufig vorkommendes Beispiel für eine absurde Argumentation ist, dass die Vorbeuge aus dem Sitz den Magen besser durchbluten und damit die Verdauung verbessern würde. Oder, dass die Rückbeuge Íalabhâsana die Nebennierenfunktion anregen könne, oder dass eine bestimmte Atemtechnik eine besondere Wirkung auf die linke oder rechte Körperhälfte habe. Wer so argumentiert vermittelt nur den Eindruck, dass er keine Ahnung von grundlegenden Aspekten des menschlichen Systems hat und gibt sich – zu Recht – der Lächerlichkeit preis. So kann die Kommunikation zwischen Medizin und Yoga sicherlich nicht aussehen.


T.K.V. Desikachar: Wo sehen sie die Verantwortlichkeit eines Yogalehrers, einer Yogalehrerin, wie weit geht sie?


Imogen Dalmann: Im Westen wie in Indien ist es zunächst einmal die medizinische Welt, die für das Thema Gesundheit und Therapie zuständig ist. Deshalb haben die meisten Menschen, die wegen einer Krankheit eineN YogalehrerIn aufsuchen, schon alle notwendigen medizinischen Untersuchungen hinter sich, notwendige Medikamente sind bereits angeordnet.

Eine unserer ersten Verantwortlichkeiten besteht deshalb zunächst darin, den Menschen, der zu uns kommt, nicht durch ungefragte Ratschläge zu verunsichern. „Was, sie nehmen regelmäßig Cortison ? hat Ihnen Ihr Arzt nichts über die Nebenwirkungen erzählt?“ Oder: „Spritzen helfen bekanntermaßen nicht viel bei Rückenschmerzen ? da muss ganz grundsätzlich was passieren...“

Ihre wesentliche Verantwortung tragen YogalehrerInnen aber natürlich für das, was sie als Praxis vorschlagen. Wir dürfen nie vergessen, dass wir Menschen auffordern, etwas zu tun, was diese von sich aus nie gemacht hätten: so und so atmen, diese oder jene Übung ausführen...

Leider lässt sich häufig beobachten, dass in Situationen von Yogaunterricht schon der unverbildete gesunde Menschenverstand außen vor bleibt. Wenn mir jemand erzählt: "Jedes Mal, wenn ich mich nach vorne beuge, tut mein Rücken mir mehr weh", dann brauche ich keine ärztliche Ausbildung und muss auch nicht HeilpraktikerIn oder PhysiotherapeutIn sein, um zu entscheiden, dass bis auf weiteres solche Vorbeugen in einer Yogapraxis nichts zu suchen haben. Und wenn sich dieser gesunde Menschenverstand verbindet mit einer genauen Beobachten, einem wirklich Ernst nehmen meines Gegenübers, einem fundierten Wissen über das Handwerkszeug, das ich aus dem Yoga verwende, sind die wesentlichen Voraussetzungen für ein verantwortungsvolles Handeln gegeben.

Dennoch sollte ein/e YogalehrerIn, der oder die mit kranken Menschen arbeitet, meiner Meinung nach über ein Grundwissen darüber verfügen, wie das menschliche System funktioniert. Viel hilfreicher als eine medizinische Ausbildung ist dabei ein Unterricht, der sich gezielt an YogalehrerInnen wendet, somit auch darum weiß, welche Übungen im Yoga gemacht werden.

So wie die Physiologie oder die Anatomie den ChirurgInnen in Hinblick auf ihre Arbeit mit kranken Menschen vermittelt wird, so muss das auch für den Bereich des Yoga gehandhabt werden.

Es gibt aber in dem Zusammenhang der Verantwortlichkeit noch einen weiteren Aspekt. Menschen wenden sich meist nicht nur mit einem sondern oft mit mehreren, auch sehr verschiedenen Wünschen an eine/n YogalehrerIn. Das Bedürfnis nach mehr Gesundheit kann Teil eines größeren Ganzen sein. Da sich die genauen Grenzen zwischen Gesundheit und Krankheit nicht ziehen lassen, können wir sie natürlich auch nicht ziehen in Bezug auf die Frage der Verantwortlichkeiten. Deshalb macht es auch keinen Sinn zu unterscheiden zwischen einem Yogatherapeuten und einer YogalehrerIn.

Wir sind gefordert, Yoga in die bestimmte Situation eines Menschen einzubringen und Krankheit kann Teil dieser Situation sein. Natürlich gehört es dabei auch zu der Verantwortung von YogalehrerInnen, ihre eigenen Möglichkeiten und Grenzen in konkreten Situationen richtig einzuschätzen. Wenn sie zum Beispiel denken, der Mensch, der zu ihnen gekommen ist, wäre bei einer Ärztin besser aufgehoben oder bei einem Psychotherapeuten, dann sollten sie sich entsprechend verhalten.


T.K.V. Desikachar: In vielen Diskussionen habe ich erfahren können, dass in Systemen wie der Akupunktur, der Homöopathie, des Yoga usw. für den Bereich Gesundheit noch große Hoffnungen verborgen liegen.

In Indien hat man den Yoga an einigen Orten sogar in den Bereich medizinischer Ausbildung aufgenommen. Aber auch einem Land wie den Vereinigten Staaten von Amerika akzeptiert man Yoga in immer größerem Maße und ich kenne dort Ärztinnen und Ärzte, die wie Sie, Imogen, die Arbeit mit Yoga einer medizinischen Karriere vorgezogen haben.

Es scheint mir, dass der Yoga im Gesundheitsbereich der Zukunft einen großen Platz einnehmen kann und wird, denn: Yoga ist nicht invasiv. Die kranke Person hat an ihrer Genesung Anteil und wird kompetenter. Es kommt zu einer Beziehung zwischen Yogaübendem und -lehrendem, etwas, was in der Mehrzahl der medizinischen Kontakte fehlt - und ich fürchte für die Zukunft, dass die zunehmende Perfektion der Technologie das noch verstärken wird.

Wie steht es mit den Hoffnungen, die auf den Yoga gesetzt werden, in Europa, und was müssen wir als Yogalehrerende tun, um Schranken abzubauen, so dass die Arbeit mit dem Yoga gut greifen kann?


Imogen Dalmann: Die Gründe, weshalb Yoga auch im Westen eine Zukunft hat, haben Sie ja gerade schon genannt. Deshalb möchte ich gleich auf den zweiten Teil Ihrer Frage zu sprechen kommen. Es sollte uns klar sein, dass wir dabei an zwei Fronten Arbeit zu leisten haben.

Zum einen – so glaube ich – müssen wir uns als YogalehrerInnen immer wieder mit dem falschen Bild auseinandersetzen, das im Westen zum Thema Yoga existiert. Ihn auf eine Meditationspose mit gekreuzten Beinen oder den Kopfstand zu reduzieren, führt ebenso in die falsche Richtung, wie wenn man ihn mit der hinduistischen Religion in Verbindung bringt.

Zudem müssen wir den Yoga von all dem esoterischen Ballast befreien, der ihn hierzulande über lange Zeit verwässert und entstellt hat. Andernfalls werden wir kaum glaubwürdig sein können. Yoga darf auch nicht wie eine geheime Verschlussache behandelt werden, mit einigen wenigen auserwählten MeisterInnen an der Spitze, die alles immer schon wissen. So etwas möbelt vielleicht das Selbstwertgefühl einiger selbst ernannter
YogalehrerInnen auf, dem Ansehen des Yoga schadet es aber.

Zum anderen scheint es mir wichtig, darauf zu achten, dass wir den Yoga nicht billig aussehen lassen. So genannte Ausbildungen, die nach wenigen Wochen oder Monaten ein Zeugnis zum Yogalehrer ausstellen, müssen ja den Eindruck entstehen lassen, dass Yoga nichts taugt. Deshalb dürften wir im Verbreiten dessen, was Yoga ist und kann, ruhig etwas klarer, offensiver und anspruchsvoller sein.

Daneben sehe ich noch einen weiteren Punkt. Anstatt passiv abzuwarten, dass Menschen in unsere Kurse kommen um Yoga zu lernen, sollten wir unsere Kursräume verlassen und nach Orten suchen, wo wir von Nutzen sein könnten. Wir müssen Initiative beweisen, zu denen hingehen, für die Yoga ein Werkzeug, ein Mittel, eine Hilfe sein kann.

Eine Kollegin von mir hat lange Zeit Arbeiter einer großen Kieler Werft in Yoga unterrichtet, eine andere gibt Yoga an Menschen mit HIV - Infektionen und Aids weiter.

Etwas von dieser Art meine ich. Das verlangt von uns eine besondere Vorbereitung, ein gutes Verständnis dessen, was gebraucht wird, und eine klare Konzeption bezüglich dessen, was Yoga ist und kann, so dass wir ihn auf intelligente Art und Weise einsetzen können. Und es bedarf einer Unterstützung unserer Arbeit durch freundschaftliche, kompetente Kritik und Anregungen von Seiten anderer LehrerInnen und KollegInnen. Wir nennen das "Supervision", und versuchen damit, auf moderne Art einen großen Teil dessen zu beschreiben, was man traditioneller Weise das „Lehrer-Schüler-Verhältnis“ nannte.

Ich glaube, dass wir so die verschiedensten Möglichkeiten, die Yoga bietet, ausprobieren und unsere Erfahrungen auf eine produktive Art und Weise teilen können.

Nun würde ich Ihnen gerne auch eine Frage stellen. Wir benutzen – wenn es um Gesundheit und Krankheit geht – bestimmte Haltungen und Praktiken des Yoga. Müssen wir heutzutage die Art und Weise der Anwendung dieser Praktiken so fortführen, wie sie die alten Weisen Ihres Landes uns präsentiert haben oder dürfen wir, ja müssen wir sie ändern?


T.K.V. Desikachar: Es gibt vieles, was verändert werden muss. Unsere Lebensweise heutzutage ist sehr verschieden von der unserer Vorfahren aus der Epoche, in der man die Methoden des Yoga konzipiert hat: Die Menschen saßen am Boden, ja auf der bloßen Erde, sie liefen barfuss... Yoga wurde schon Kindern und nicht erst Erwachsenen beigebracht – somit musste man sie interessieren, motivieren, ihnen eine Herausforderung auf körperlicher Ebene geben, die zu einem wachsenden Selbstvertrauen führen sollte.

In unserem Institut interessieren uns die Körperübungen des Yoga im Rahmen des Gesundungsprozesses kranker Menschen. Wo mein Vater mich noch etwa vierhundert Körperhaltungen gelehrt hat, benutzen wir für diese Arbeit gerade noch zwischen fünfzehn und zwanzig Haltungen, kaum mehr.
Damit schließen wir natürlich "klassische" Haltungen wie Lotussitz und Kopfstand, aber auch gewisse Umkehrpositionen und Drehungen aus. Doch trotz oder gerade Dank dieser Beschränkungen und Einfachheit der benutzten Übungen fühlen sich die Menschen, die damit arbeiten, besser.

Zwei Grundsätze leiten uns dabei. Erstens: Wenn wir versuchen, in einem Bereich zu helfen, dürfen wir keine neuen Probleme in einem anderen schaffen, und zweitens: Vor allem aber dürfen wir auf gar keinen Fall jemandem Schaden zufügen.

Anders als manche Forscher, die auf Versuchstiere oder -personen zurückgreifen, um Informationen zu erhalten, haben unsere Vorfahren an sich selbst experimentiert und ihre Techniken ausgehend von diesen Erfahrungen entwickelt. Eines der größten Geschenke, die sie uns hinterlassen haben ist die Technik der Eigenbeobachtung und die Beobachtung unserer Umgebung. Im Laufe der Zeit haben andere Dank der Erforschung ihres Inneren und ihren Beobachtungen Anpassungen dieser Techniken vorgenommen, die es möglich gemacht haben, dass der Yoga anders als viele andere Strömungen in Indien weiter lebte. Ein/e ernsthafteR SchülerIn des Yoga übernimmt mit dem Unterrichten auch die Verantwortung, ebensolche Untersuchungen anzustellen wie ihre VorläuferInnen im Yoga.


Frage aus dem Publikum: Sie haben wiederholt die Forschung genannt. Wie bedeutend ist Forschung für uns im Yoga und wie kann man sie durchführen in Bezug auf Gesundheitsfragen?


T.K.V. Desikachar: Was ich gerade ansprach reicht für unsere moderne Zeit natürlich nicht aus: Heute wäre es wünschenswert, über Selbstbeobachtung und Selbstexperiment hinaus Untersuchungen durchzuführen, die man auch in einer Sprache formulieren kann, welche die Wissenschaft versteht. Die Wissenschaft sagt: Nur wenn Ergebnisse mehrfach überprüft für eine genügend große Zahl von Personen zutreffen, ist es sehr wahrscheinlich, dass sie auch für andere Personen zutreffen werden.

Forschung ist zweifelsfrei von großer Bedeutung. Wir leben in einer Welt von Wissenschaftlern. Wie sollen wir sie von der Kraft des Yoga überzeugen, wenn wir nicht ihre Sprache sprechen? Viele große Dinge zum Beispiel, die mein Vater ins Leben gerufen hat, wurden nicht korrekt dokumentiert und sind deshalb nicht anerkannt.

Eine der wichtigen Lehren des Yoga besteht darin, zu akzeptieren, was sich verändert. Ich sage nicht, dass es nichts Wichtigeres als Forschung gäbe, aber es ist eben mal so, dass wir überzeugen wollen und müssen. Wir in Madras haben auf unsere Weise einfache Untersuchungen angestellt: über Rückenschmerzen, geistige Behinderung, Herzprobleme, Veränderung des Krankheitsverständnisses durch Yoga... Wir arbeiten dabei mit ÄrztInnen zusammen, wir bekommen Stipendien dafür, aber wir sind nicht völlig zufrieden damit. Ich habe selbst eine wissenschaftliche Ausbildung und ich finde, dass die Untersuchungen, die wir durchführen, nicht evident sind.

Die Sprache des Yoga ist vollkommen verschieden von der der Wissenschaft; es handelt sich hier um den Ausdruck einer inneren Erfahrung, die man mit Begriffen der Physik oder der Chemie nicht angemessen wiedergeben kann. Wenn ein Mensch sich bei uns bedankt und sagt, es ginge ihm so unendlich viel besser – wie sollen wir dieses Sich-besser-Fühlen wissenschaftlich messen oder beweisen, wenn zum Beispiel sein messbarer Blutdruck sich nicht verändert hat? Es scheint mir deshalb wichtig, dass es uns gelingt, gute Forschungsprotokolle zu erarbeiten. Noch sind wir nicht so weit und für jede Unterstützung dankbar.


Imogen Dalmann: Es gibt schon einige Versuche methodischer Auswertungen für das vielschichtige Gebiet der Verbesserung einer Krankheit durch Yoga. Fallstudien etwa, wenn sie nur zahlenmäßig groß genug gewählt sind, werden als wissenschaftliche Methode anerkannt. Den PsychologInnen ist es gelungen, psychische Veränderungen bewerten zu können durch die Entwicklung von Fragebögen, die von der wissenschaftlichen Welt akzeptiert werden. Auch für eine wissenschaftliche Dokumentation der Yogaarbeit wird das der Fall sein, wenn wir die entsprechende Methodologie entwickeln könnten.


Frage aus dem Publikum: Sie erwähnten, dass man auch etwas an den Übungen des Yoga ändern müsste in unserer modernen Zeit. Kann der Yoga überhaupt in seiner alten Form ins 21. Jahrhundert Eingang finden oder bedarf es dafür eines abgewandelten Yoga?


T.K.V. Desikachar: Yoga ist wie ein Fluss, der seit sehr langer Zeit fließt. Gut oder schlecht – er hat den Westen erreicht und ich glaube nicht, dass das 21. Jahrhundert ihn zum Anhalten bringen wird. Er wird vielmehr zahlreiche Zuflüsse bekommen und wird wachsen. Mit und ohne wissenschaftliche Begleitung – davon bin ich überzeugt – wird der Yoga seinen Weg weiter ziehen, ohne die Hilfe von wissenschaftlicher Seite vielleicht chaotischer und von Zweifeln durchsetzt, die so gar nicht nötig wären.
Ich glaube, wir können diesen interessanten Austausch beschließen, Dr. Imogen; was sollen wir uns allen mit auf den Weg geben?


Imogen Dalmann:
Aus meiner augenblicklichen Sicht zwei Dinge.

1. Es liegt an uns, unser Bestes zu versuchen, und viele Möglichkeiten zu entwickeln, in dem Bereich, wo Yoga auf kranke Menschen trifft, ein Maximum an Qualifikation zu erreichen. Wir haben hier zwei Verantwortungen: die gegenüber dem Menschen, mit dem wir arbeiten und die gegenüber der Quelle des Yoga.
Und zweitens: Wir sollten – wo immer es möglich ist – den Dialog mit der medizinischen Welt suchen. Falsche Fronten schaden letzten Endes nur denen, die im Yoga Hilfe finden wollen. Ich glaube, dass wir in diesem Punkt etwas dynamischer sein müssen, aber auch einen langen Atem brauchen.


T.K.V. Desikachar: Ich möchte abschließen mit der Überzeugung, dass die Schwierigkeiten, die noch in dem Bereich Yoga und Gesundheit bestehen, sich überwinden lassen können. Sie resultieren im Wesentlichen aus der Tatsache, dass der Nachweis von Qualität gefordert ist in Bezug auf die Ergebnisse des Yoga.

Wir müssen uns anstrengen, sicher zu stellen, dass die YogalehrerInnen wirksamer und mit mehr Selbstvertrauen arbeiten, denn die Nachfrage nach Yoga wird groß sein. Aus Respekt gegenüber der Quelle, aus der der Yoga fließt und aus Respekt gegenüber denjenigen Menschen, die ihre Hoffnungen auf ihn setzen, müssen wir dafür sorgen, den hohen Erwartungen zu entsprechen, die heute an uns gestellt werden.




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